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In der Forschung, der medial
konstituierten Öffentlichkeit sowie in der unmittelbaren
Erziehungsarbeit in Kindergärten und Schulen haben Debatten um den
Erwerb von Lese- und Medienkompetenz gegenwärtig einen hohen
Stellenwert. Auch das Forum Bildungspolitik in Bayern nimmt hierauf
Bezug und fordert »neue Ideen in der Schul- und
Bildungspolitik«. Im Kontext der Debatten nach der PISA-Studie
entstanden verschiedene Projekte und Programme, deren Ziel es ist,
Kinder an das Lesen heranzuführen. »Kein Faktor [ist] so
einflussreich auf das Leseinteresse von Kindern und Jugendlichen, wie
die Lesesozialisation in der Familie« – so lautet ein
Befund der Stiftung Lesen. Zugleich wird aber in dieser Studie darauf
hingewiesen, dass Bücher in Familien immer weniger thematisiert
werden. Es gilt demnach, dieses Thematisieren des Buches zu
unterstützen. Das bedeutet: So, wie der Umgang mit elektronischen
Medien geschult wird, so muss – dies ist die Basisthese für
den Interventionsteil unseres Projektes – auch der Umgang mit dem
Medium Buch verstärkt in pädagogische Konzepte integriert
werden. Das Projekt "Abenteuer Buch" verstärkt bei seiner Arbeit
einen besonderen Ansatz: Während sich Leseförderung
gegenwärtig zumeist auf den (Vor-) Lesevorgang bzw. die
Beschäftigung mit dem literarischen Inhalt konzentriert, sind wir
der Auffassung, dass Leseförderung sinnvoll als
umfassende Beschäftigung mit der Herstellung, Distribution und
Rezeption von Lesestoffen konzipiert werden soll. Die Forschung im
ausgehenden 20. Jahrhundert hat sich mehrheitlich
entwicklungspsychologischen Fragestellungen zugewandt. Es wurde
zunehmend auf Annahmen von kognitiv orientierten
Informationsverarbeitungsmodellen zurückgegriffen, um Lese- und
Rechtschreibvorgänge zu charakterisieren. Im Blickpunkt stand hier
die These, dass Prozess- bzw. Funktionsmodelle mit qualitativen
Entwicklungsstufen die Übergänge zwischen jeweils
unterschiedlich effektiven Lese- und Rechtschreibstrategien beschreiben
können. Als grundlegendes Merkmal neuerer Forschungsansätze
kann die Berücksichtigung interdisziplinärer Ansätze
angesehen werden, die alle Phasen der Lesesozialisation als
multikausalen
Prozess begreift. Die durch das Projekt gesicherte
buchwissenschaftliche Perspektive stellt hierbei die medienspezifischen
Charakteristika des Buches in den Mittelpunkt: Die haptischen
Eigenschaften des traditionellen Buches können für die Kinder
durch
eine Projektarbeit in Kooperation von Bildungseinrichtungen, Eltern und
Institutionen der Buchherstellung sowie -vermittlung erfahrbar gemacht
werden. Darüber hinaus können die Kinder durch die
Einbeziehung digitaler
Medien unmittelbar für den engen Zusammenhang zwischen Medien- und
Lesekompetenz sensibilisiert werden. Durch den so geförderten
positiven Umgang mit dem Medium Buch und der vielfältig medial
basierten Lektüre generell wird eine Grundlage geschaffen, auf die
sich die Förderung des Lesens stützen kann. Das Ziel ist
dabei ein doppeltes: Zum einen bieten sich Möglichkeiten, schon in
der Frühphase der Lesesozialisation Prozesse des
Fähigkeitserwerbs im Sinne einer Förderung des sprachlichen
Bewusstseins für die Kinder erfahrbar zu machen. Zum anderen
glauben wir, dass durch die kontinuierliche Beschäftigung mit dem
Buch und seinem Kontext eine nachhaltige Lesemotivation entstehen kann.
Als Basis hierfür haben wir mit Blick auf eine Erhöhung der
Lesekompetenz eine Synthese von »Wollen« und
»Können« formuliert, wie sie auch in der vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung in Auftrag gegebenen
Expertise »Förderung von Lesekompetenz« empfohlen
wird. Dies impliziert die gezielte Stärkung von Prozessen sowohl
der Motivation (Sozialisationsebene) als auch des
Fähigkeitserwerbs (Kognitionsebene). Indem unser Projekt über
die Deskription und die Analyse von Leseverhalten und Medienkonsum
hinaus Ergebnisformen schafft, die als Initiativbausteine für die
unmittelbare pädagogische und didaktische Arbeit genutzt werden
können, öffnet sich die wissenschaftliche Perspektive dem
Ziel anwendungsorientierter Projektarbeit. Grundlegend ist für
unsere Zielstellungen eine Auffassung von »Lesen«, die sich
nicht auf das Materialobjekt des gedruckten Buches beschränkt. Wir
erleben gegenwärtig einen grundlegenden Wandel des Leseverhaltens.
Aber: Die Bedeutung des Lesens schwindet im Kontext der Digitalisierung
nicht. Im Gegenteil erfordert die Nutzung z. B. des Internets eine etwa
im Vergleich zum Fernsehkonsum höhere und aktivere Lesekompetenz.
Gleichzeitig bestimmen diese digitalen Alternativen zum traditionellen
Buch mehr und mehr das Leseverhalten auch bei Kindern und Jugendlichen.
Hierin sollte unseres Erachtens eher eine Chance als eine Bedrohung
gesehen werden. So wie es bereits vor der Erfindung des Buchdrucks
Lesestoffe gab, so gibt es auch jetzt Lesestoffe, die nicht den Druck
als
Prinzip des Speicherns aufweisen. Medientheoretisch ist also kein
Ende des Buches in Sicht. Es wird aber
zusätzliche Varianten der Speicherung und der Vermittlung geben,
damit verbunden einen digitalen Mehrwert, der in Teilbereichen zu einem
Argument für die Substitution des traditionellen, gedruckten
Buches werden kann. Für Leseforschung und auch Leseförderung
gibt es daher keinen plausiblen Grund, das Interesse auf das
traditionelle Buch
zu reduzieren. Dies ist ein erfreulicher, weil zukunftsweisender
Befund. Welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Lesekultur
haben wird, dies hängt auch davon ab, ob wir künftig weniger
von der Konkurrenz zwischen gedruckten und digitalen Medien ausgehen,
sondern vielmehr deren Konvergenz in den Blick nehmen.
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